Der Sturm · Folge 1

Eine umgestürzte Eiche hängt schräg in den Kronen der Nachbarbäume. Zwei Männer stehen im nassen Winterwald und schauen hinauf.
KLINGENHOLZ · EINE GESCHICHTE IN FOLGENDer SturmFolge 1

Jedes unserer Bretter beginnt mit einem Baum. Unser allererstes begann mit einem Sturm.

Anfang März 2025. Über Südthüringen tobt ein Sturm.

Nacht, Sturm über einem schmalen Waldtal. Die Bäume biegen sich, unten im Tal brennen Lichter, am Hang steht ein Hochsitz.

Er fegt auch durch einen kleinen Wald bei Suhl, den die Familie nur die Klinge nennt. So steht es sogar im Kataster. Die Bäume dort haben schon viele Stürme erlebt. Einer wird diesen nicht überstehen.

Am Morgen danach riecht der Wald nach nassem Laub und frisch gebrochenem Holz.

Morgen nach dem Sturm: Falko zieht einen Ast durch den Matsch, sein Onkel stapelt Äste. Auf einem Baumstumpf stehen eine Thermoskanne und zwei Becher, auf dem Reisighaufen sitzt ein Rotkehlchen.FALKOSEIN ONKEL

Aufräumen ist Familiensache. Falko zieht Äste aus dem Matsch, sein Onkel stapelt. Viel geredet wird nicht. Muss auch nicht.

Dann bleiben beide stehen.

Falko und sein Onkel von hinten vor der umgestürzten Eiche, die in den Kronen der Nachbarbäume hängt. An einem Stamm klettert ein Eichhörnchen.

Eine große Eiche hat es erwischt. Ganz fallen wollte sie trotzdem nicht: Ihre Krone hängt in den Armen der Nachbarbäume.

Förster haben dafür ein eigenes Wort: Hänger.

Blick von unten: Der Stamm hängt quer in den Kronen und steht unter Spannung, die beiden halten Abstand.DER HÄNGERSPANNUNGABSTAND

Ein Hänger steht unter Spannung und gilt als besonders gefährlich. Niemand weiß genau, wann und wohin er fällt. Also: Abstand halten. Und den Traktor holen.

Ein Traktor, ein langes Seil und sehr viel Geduld.

Ein Traktor zieht die Eiche mit einem Seil aus den Kronen, Schlamm spritzt vom Hinterrad, im Matsch bleiben Reifenspuren.KRRACK!

Meter für Meter rutscht der Stamm. Oben in den Kronen knackt es, als wollte der Wald noch einmal widersprechen.

Die Eiche liegt im Matsch, Dampf steigt auf, Blätter fallen, ein Vogel fliegt davon.WUMMS

Dann liegt sie da. Einen Moment lang ist es ganz still. Nur ein Vogel beschwert sich lautstark.

Falko geht zur Bruchstelle. Er zieht einen Handschuh aus und legt die Hand aufs Holz.

Falko kniet an der Bruchstelle des Stamms, sein Atem dampft in der Kälte, er berührt das nasse Holz.

Kalt. Nass. Und voller feiner Linien.

Jeder Ring ist ein Jahr: hell und offen im Frühjahr, dicht und dunkel im Sommer.

Nahaufnahme der Bruchstelle mit engen, feinen Jahresringen. Beschriftet sind Frühholz und Spätholz. Ein Finger berührt einen Ring.FRÜHHOLZSPÄTHOLZ1 RING
= 1 JAHR

Je enger die Ringe liegen, desto langsamer ist der Baum gewachsen. Auf wenigen Zentimetern stecken hier Jahrzehnte.

Onkel und Neffe. Ein Baum, zwei Pläne.

Links der Onkel mit verschränkten Armen vor gestapeltem Brennholz und einem Hackklotz mit Axt, rechts Falko mit Blick auf die Jahresringe.Brennholz.Daraus mache ich etwas.

Fairerweise muss man sagen: Eiche ist auch ein ausgezeichnetes Brennholz.

Am Abend ruft Falko seinen Bruder Christoph an. Er redet mit den Händen, obwohl ihn keiner sieht.

Abends telefonieren die Brüder. Links Falko vor einem Wandkalender mit März 2025, das Handy am Ohr, die andere Hand in der Luft, auf dem Tisch eine Brettskizze. Rechts Christoph mit Mütze am Fenster, draußen regnet es.

Christoph hört zu, lange. Was er dann sagte? Das erzählen wir in Folge 2.

Gezeichnete Stirnholzfläche aus vielen kleinen Holzblöcken.Foto: Stirnholzfläche eines Schneidebretts von Klingenholz mit sichtbaren Jahresringen.

Was Falko an diesem Morgen gesehen hat, hat einen Namen: Stirnholz. Genau diese Seite des Holzes liegt heute oben auf unseren Brettern.

Von der Klinge,
für die Klinge.

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